Denk-Mahl

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Vom „Ich“ zum „Wir“ – einige Gedanken zur aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins (2/2016)

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Verfolgt man die Themen, denen sich das Philosophie Magazin im letzten Jahr gewidmet hat (Heft 4: Bin ich, was ich esse (s. meine Beiträge auf Denk-Mahl.de)?, Heft 5: Braucht mein Leben ein Ziel, Heft 6: Macht meine Arbeit noch Sinn?), kann man sie ziemlich eindeutig den individuellen Fragestellungen zurechnen, die sich in der Frage nach dem „guten Leben“ zusammenfassen lassen, zuletzt mündend in der Titelfrage von Heft 1/2016: Gibt es einen guten Tod?. Was aber, wenn nicht das „gute Leben“, sondern das Leben schlechthin oder noch schärfer: das Überleben – zur Disposition steht? Wenn die Frage nach dem „guten Leben“ überwältigt wird von der Frage nach dem Überleben überhaupt? Das aktuelle Heft 2/2016 (seit 7. Januar im Handel) widmet sich der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlinge in Deutschland unter der Frage „Was tun?“ Dazu hat die Redaktion insgesamt 27 Denkerinnen und Denker gebeten, eine Stellungnahme abzugeben. In seiner Einleitung zum Dossier liefert Wolfram Eilenberger einen Beleg für die These Hegels, dass „Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfaßt“ sei (Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede). Bereits in Heft 1/2016 diskutierten Carolin Emcke und Herfried Münkler die Flüchtlingskrise unter der Fragestellung „Solidarität ohne Grenzen?“. Diese Frage greift unter anderen auch Hartmut Rosa hier auf. Rosa differenziert zwischen „Verantwortung“ und „Verbundenheit“ eine sinnvolle Unterscheidung, will man als Einzelner nicht vor den Zumutungen, insbesondere jener der globalen „Zurechenbarkeit“ von individuellen Handlungsfolgen kapitulieren.

Während meine Einlassungen zu den obigen „individuellen“ Themen noch immer ein Desiderat sind, fordert das soeben erschienene Philosophie Magazin mich auf, mich jetzt mit grundsätzlichen Fragen des Zusammenlebens zu befassen, meine Erschütterung und Verunsicherung einzugestehen, die weit über eine persönliche Befindlichkeit hinausgeht. – Selbstverständlichkeiten und Gewissheiten, auch hehre Ideale, liebgewordene Vorurteile, die ich lange, vielleicht sogar zeitlebens vertreten habe, kommen plötzlich ins Schwanken. – Was ist mit unseren hochgehaltenen „abendländischen Werten“? Was passiert mit unserer Zivilisation? Was mit meinem freiheitlichen Grundverständnis, das sich aus einer ziemlich sicheren und abgesicherten (abgeschotteten?) Position heraus entwickeln konnte?

Die von Lukrez einst in seinem Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ als „Wonne des Weisen“ (vgl. Einleitung zum zweiten Buch) gefeierte unbeteiligte Distanz vom Unheil dieser Welt ist vom „Schiffbruch mit Zuschauer“ (Hans Blumenberg) zum Treiben auf offener See für alle geworden, am schlimmsten freilich für diejenigen, die dies leibhaftig erfahren müssen.

Die gegenwärtige Situation philosophisch durchdenken kann nicht heißen, einfachhin seine üblichen Maßstäbe anzulegen und die „Realität“ daraufhin abzuklopfen – die Realität selbst ist es, die unsere Maßstäbe hinterfragt. Sie kann aber auch nicht bedeuten, alles Bisherige an Maßstäben und Überzeugungen über Bord zu werfen. – Kann Europa, kann abendländisches Kulturverständnis Allgemeingültigkeit beanspruchen? Wie ist Pluralität zu bewahren und gegebenenfalls weiter zu fassen als bisher? Was geschieht mit dem, was gesellschaftlich, politisch, sozial an Einigung in Europa bisher erreicht worden ist, gegenwärtig? Inwieweit werden wir gefordert? Überfordert gar? Von „innen heraus“ zerstört? Wie weit klaffen bei uns selbst Anspruch und Wirklichkeit auseinander? Ist ein „Identitätsverlust“ (individuell, gesellschaftlich – was heißt das überhaupt?) zu befürchten? – Was ist mit unseren hochgehaltenen „abendländischen Werten“? Auch Identitätsverlust ist ein Thema diverser Statements im PhiloMag von Michael Hampe über Paolo Fiores d’Arcais bis zu Julian Nida-Rümelin. Und es ist vor allem Letzterem zu danken, in Erinnerung gerufen zu haben, dass Freiheit, dass Respekt und Menschenwürde, dass Menschenrechte keine „Erfindung des Westens“, sondern humanes Allgemeingut sind, in jeder Kultur vorhanden, wenn auch in unterschiedlich deutlicher Ausprägung (und sei es, dass sie mit Füßen getreten werden, was seinerseits ihr Vorhandensein beweist)

Hier wird philosophisches Denken wieder „praktisch“ abseits dümmlicher Stellungnahmen wie denjenigen „besorgter Bürger“ von AfD und Pegida (wirklich besorgte Bürger würden sich nicht um ihr kleines, erbärmliches Ego, sondern um Solidarität und Mitmenschlichkeit sorgen!) sind die drei Maximen (= Grundsätze) wieder aktuell, die Kant in seiner Kritik der Urteilskraft zu „Maximen“ des gemeinen Menschenverstands“ erklärt: 1. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken. – Das aktuelle Philosophie Magazin gibt Anlass genug, sich darüber auszutauschen und über Konsequenzen nachzudenken. Beteiligen wir uns daran – und möglichst unter Einschluss der unmittelbar Betroffenen, also auch der Flüchtlinge. Und gern auch in diesem Forum.

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