Denk-Mahl

Das Blog für Freunde des eigenen Verstandes

Wenn Vegida „Skandal“ raunt oder: Wie radikale Tierschützer sich zu nützlichen Idioten des industriellen Agrobusiness machen

| 6 Kommentare

„Skandal um Rosi“. Ob sie tatsächlich Rosi heißt, sei dahingestellt, zum Anlass einer Kampagne radikaler „Tierschützer“ wurde jedenfalls eine Zuchtsau aus Herrmannsdorf bei Glonn, einem renommierten Biobetrieb in der Nähe von München, wie eine gewisse „Soko Tierschutz“ dem Fernsehmagazin „Fakt“ verriet. Möglicherweise mag einiges in Herrmannsdorf, gemessen am eigenen Anspruch, verbesserungswürdig sein, aber darum ging es in diesem Beitrag nicht. Nicht nur sollte ein einzelner Betrieb in Misskredit gebracht werden, vielmehr zielt das Treiben der „Soko Tierschutz“ darauf, die gesamte Bio-Landwirtschaft, jedenfalls, soweit sie Tiere hält, auf die Anklagebank zu setzen. Sehen wir mal ab davon, dass Magazine wie „Fakt“ anscheinend zunehmend zum Sprachrohr einer „Empörungsindustrie“ werden, zu der Organisationen wie die ominöse „Soko Tierschutz“ gehören. Zu denken geben sollte uns aber, dass eben jener Verein im Sommer letzten Jahres auf dem „Tollwood-Festival“ in München – einem der friedfertigsten und entspanntesten Öko-Festivals der Republik – seinen Überzeugungen und Zielen z. B. am Stand der „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ sehr nachdrücklich, ja beinah handfest Ausdruck verlieh. Das Motiv: Die Genussgemeinschaft ist Partner des von Tollwood gegründeten Aktionsbündnisses „Artgerechtes München“.

Zunächst mal: Ja, Tierquälerei und auch Verstöße gegen Haltungsbedingungen in Zuchtbetrieben – und möglicherweise auch in sogenannten „Vorzeigebetrieben“ – gibt es, und sie gehören aufgedeckt und abgestellt. Staatliche Stellen, auch amtlich bestellte Veterinäre sind da nicht immer so schnell bei der Sache, manchmal überfordert, manchmal unwillig, weil andere Interessen im Spiel sind oder die Vorfälle bagatellisiert werden – oder auch schlicht aus Bequemlichkeit. Wo etwas systematisch vertuscht oder verschleiert werden soll, tut Aufklärung not. Und es gibt seriöse Organisationen wie zum Beispiel ProVieh, die auf diesem Gebiet eine vorbildliche Arbeit leisten, die nicht nur bezichtigen und anklagen, sondern auch Hilfestellung leisten, Missstände zu beheben.

Seit einiger Zeit schon spielen Essen und Ernährung allerdings die Rolle einer Ersatzreligion – und wie das bei Religionen so der Fall ist, treiben auch hier Fundamentalisten und Extremisten ihre mehr oder weniger unappetitlichen Spielchen nach dem Motto „irgendwas wird schon hängenbleiben“. Schon Wilhelm Busch wusste: „Ein guter Mensch gibt gerne acht, //ob auch der andre was Böses macht // und strebt durch häufige Belehrung // nach seiner Bessrung und Bekehrung.“ Nicht selten speist sich das Sendungsbewusstsein solcher Organisationen aus einer Blockwartmentalität, ähnlich wie bei den sich zurzeit formierenden „Bürgerwehren“ und aus einer verbohrten Haltung, die deren Kampagnen und „Aufklärung“ in die geistige Nähe von AfD- und Pegida-Aktivisten rücken.

Die besagte „Soko Tierschutz“ jedenfalls beansprucht einen „Erziehungsauftrag“, den ihr niemand erteilt hat, und zitiert auf auf ihrer Homepage den Vorsitzenden Friedrich Mülln mit den Worten: Würde Herr Schweisfurth seine Ideologie ernst nehmen, dann würde er auf wirklich nachhaltigen und tierleid-freien bio-veganen Landbau setzen und nicht auf ein neues Geschäftsmodell auf Kosten der Tiere“. Manchmal sind Nachnamen sprechende Namen. Und Statements wie diese unfreiwillige Bekenntnisse: Veganismus als pure Ideologie.

Freilich: Eine vegetarische oder vegane Lebensweise ist eine persönliche Entscheidung, die Respekt verdient – so wie jede verantwortliche Lebensentscheidung, die auf Gründen beruht, Respekt verdient. Sie taugt aber nicht dazu, sich dem „Rest“ moralisch überlegen oder sich berufen zu fühlen, anderen diese Bemühungen abzusprechen oder sie zu attackieren. Ein Kennzeichen dafür, ob sie auf Gründen beruht, ist die Bereitschaft, diese überprüfen zu lassen, mithin im Gespräch zu bleiben. Hier ist aber der Gesprächsfaden bereits gerissen, der Dialog mutwillig beendet worden. Es wird nur noch „dekretiert“.

Doch abgesehen von dem schwer erträglichen selbstgerechten Auftreten, das im Übrigen von Sachkenntnis ziemlich unbelastet ist (frei nach dem Grundsatz: „Ich lass mir doch meine schöne Ideologie nicht durch Fakten zerstören“) ist erst mal festzuhalten: Wer seine persönlichen Befindlichkeiten zum Maßstab für ethisches Verhalten erhebt, begibt sich in die gefährliche Nähe des autoritären, ja totalitären Denkens. Es ist die gleiche Geistes- oder besser: Ungeisteshaltung, die uns bei den „besorgten Bürgern“ von AfD und Pegida begegnet. Ich habe recht und will recht behalten – Diskussionen zwecklos.

„Soko Tierschutz“ und Konsorten werden damit überdies zu nützlichen Idioten des Agrarbusiness, dem sie mit solchen Aktionen in die Hände spielen. Man behauptet nicht zu viel, wenn man eine Parallele zwischen industrieller Landwirtschaft und veganer Ideologie zieht: Beide führen – konsequent zu Ende gedacht – zum selben Resultat: dem Ende verantwortungsvoller Landwirtschaft. Die einen aus blinder Profitgeilheit, die anderen aus purem Dogmatismus. Erstaunlich, dass ein solcher Verein, der der menschlichen Gemeinschaft letztlich die Grundlage entziehen will, dann auch noch vom Finanzamt mit dem Prädikat „gemeinnützig“ geadelt wird.

Wie weit das führen kann, zeigt der Facebook-Post einer Anhängerin einer anderen militanten „Tierschützerorganisation“, in dem etwa ein tragischer Unfall, bei dem ein Landwirt aus NRW durch seinen Zuchtbullen zu Tode kommt, zum „Befreiungskampf“ und das Tier zum „Helden“ stilisiert wird. Willkommen in der gruseligen Gedankenwelt des Veganismus. Und – nein, es ist kein bedauerlicher„Einzelfall“, wie mir in einer Mail-Diskussion ein veganer Partnerschaftsvermittler versichern wollte. Autoritäres und totalitäres Denken aus jedweder Richtung trägt diese Konsequenz immer in sich. Von dort ist es nicht mehr weit zu den Auslassungen einer Frauke Petry oder Beatrix von Storch, doch bitte an der Grenze gegen Flüchtlinge – auch gegen Frauen und Kinder – die Schusswaffe einzusetzen. Von Vegida zu Pegida ist der Grat sehr schmal.

Eigentlich wäre es an der Zeit, dem Rat von Manfred Kriener zu folgen, der in seinem Zehn-Punkte-Ratgeber im aktuellen Slow Food Magazin mit dem Schwerpunkt „Slow leben im Alltag“, als erstes rät, die „Moralkeule“ im Waffenschrank zu lassen. Doch das scheint ferner denn je. Die mehr und mehr zu beobachtende Radikalisierung der Gesellschaft, ja, der Weltgemeinschaft lässt eher befürchten, dass wir unsere Dialogfähigkeit zu verlieren drohen. Über die Gründe nachzudenken, ist hier nicht der Ort. Aber wir bleiben dran … Und offen für Gespräche und – gewaltfreien – Gedankenaustausch.

 

6 Kommentare

  1. Danke, lieber Johannes, darauf habe ich gewartet. Eine Klarstellung dieser Art tut not. Man kennt sich ja nicht mehr aus.
    Aber wie geht das weiter? Es ist gut die Dinge so beim Namen zu nennen, die Frage bleibt, wie schaffen wir es miteinander ideologiefrei und respektvoll zu leben.

    • Liebe Elke, über den konkreten Vorfall erlaube ich mir noch kein endgültiges Urteil, da bin ich eher der Ansicht, dass noch einige Fragen zu klären sind, und dafür ist hier nicht der richtige Ort, finde ich. Aber um das, worum es mir geht, können wir gern – und sollten wir unbedingt – diskutieren: Wie gehen wir mit unseren „Wahrheitsansprüchen“ um? Eine meiner Maximen stammt von André Gide: „Glaube denen, die die Wahrheit suchen und misstraue denen, die sie gefunden haben.“ Das gilt auch für mich persönlich. Nicht, dass wir mal übers Ziel hinausschießen, ist das Problem dabei, sondern dass wir aus welchen Gründen auch immer (häufig ist es einfach die Scham, zugeben zu müssen, sich „verrannt“ zu haben – und die Furcht davor, zurückgewiesen zu werden) auf unhaltbaren Ansichten beharren. Wir alle könnten davon profitieren, wenn es uns gelänge, der/dem Gegenüber zunächst einfach einmal Wertschätzung entgegenzubringen und sie/ihn nicht gleich zu beurteilen.

  2. Wenn reale Missstände aufgedeckt werden, was ist daran verbohrt?
    Wer will hier seine Ideologie nicht durch Fakten zerstört haben?
    An dem Punkt Arroganz ist was dran – wobei man nie alle in eine Schublade schieben sollte.
    Leider ist dieser Artikel mindestens so unsachlich und destruktiv, wie er es anderen vorwirft zu sein.

    Wir verfolgen unterschiedliche Ansätze, um ethischer mit Tieren umzugehen.
    Der Gedanke, dass wir Fleisch nicht in unserer Ernährung benötigen, ist dabei ein entscheidender Unterschied. Die Lebensgrundlage für Menschen liegt nicht in tierischen, sondern in pflanzlichen Lebensmitteln. Wenn diese verantwortungsvoll erzeugt und mit etwas Ernährungs-Grundwissen verzehrt werden, werden tierische Lebensmittel zu überflüssigen und -aufwändigen Produkten, die vielfach subventioniert und trotzdem nicht artgerecht hergestellt werden, alles bloß um Gewohnheiten und Traditionen nicht anrühren zu müssen.

    Dabei gibt es eine Vielfalt an pflanzlichen Lebensmitteln, die man entdecken und genießen kann. Die, was die Erzeugung hierzulande angeht, im letzten Jahrhundert leider unheimlich abgenommen hat. Futterbohnen gibt es hier überall, warum müssen dann Speisebohnen um den halben Globus transportiert werden?

    • Lieber Leo, wer meinen Artikel aufmerksam gelesen hat, wird gemerkt haben, dass ich das Aufdecken realer Missstände nicht verurteile, sondern ganz im Gegenteil auch begrüße. Und auch ich komme selbstverständlich ins Nachdenken, auch ich habe „die Wahrheit“ nicht gepachtet, erwarte allerdings diese Haltung auch von meinem Gegenüber. Es ist der „absolute“ Standpunkt, der Dogmatismus und die kompromisslose Art und Weise, wie dies geschieht, was mich irritiert. Und ich stecke auch nicht „alle in eine Schublade“, sondern differenziere sehr genau. Das Schlüsselwort heißt „Respekt“. Es gibt gute Gründe, auf Fleisch oder tierische Lebensmittel zu verzichten – ganz oder teilweise -, es gibt ebenso gute Gründe, es nicht zu tun, es gibt keinen Grund, anderen vorschreiben zu wollen, es zu tun oder zu lassen, sich anderen überlegen zu fühlen oder ignorant zu sein, andere wegen ihrer Haltung abzuwerten oder ihnen die Bereitschaft, verantwortlich zu handeln, abzusprechen. Gründe zu haben ist etwas anderes als einfach nur sich mit seinem Standpunkt wohl fühlen zu wollen und sich selbst nicht zu hinterfragen. Nur ein Beispiel: Ein „absolutes Urteil“ in Deinem Beitrag ist die – bisher unbewiesene – These, dass tierische Lebensmittel „überflüssig“ seien. Dass sie im ungesunden Überfluss vorhanden sind und konsumiert werden, dass ihre Erzeugung und der Umgang mit ihnen (z. B. Verschwendung, Preisdumping, Zerstörung von Sozialstrukturen in anderen Ländern) zum großen Teil fragwürdig ist und die Subventionierung auch, sind Ansichten, über die wir uns einigen können, ebenso über die genussvolle Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel (inklusive ihrer fantasievollen Zubereitung). Dass die vielfältige wertvolle Arbeit bäuerlicher Familienbetriebe, die Tiere halten und im Übrigen am wenigsten von den Subventionen profitieren, damit diskreditiert wird, finde ich alles andere als einen fairen und – ich bitte um Verzeihung – wenig durchdachten Standpunkt. Und wer wie einige in dem Beitrag genannte Organisationen (ProVieh, Artgerechtes München …) für einen ethischen Umgang mit Tieren eintritt, muss nicht zwangsläufig Vegetarier oder Veganer sein. – Wir werden die Welt nicht mit „absoluten Standpunkten“ retten, sondern indem wir vielfältige Arten und Weisen des Umgangs mit ihr und auch mit uns zulassen.

  3. Da sind zweifellos ein paar interessante Zusammenhänge aufgezeigt. Zum einen finde ich den AfD/Pegida-Vergleich aber schwierig (erinnert mich an das gute alte Nazi-Totschlagargument, vgl. Godwin’s Law).

    Zum anderen würde ich gern mehr zu dieser Passage erfahren: „Man behauptet nicht zu viel, wenn man eine Parallele zwischen industrieller Landwirtschaft und veganer Ideologie zieht: Beide führen – konsequent zu Ende gedacht – zum selben Resultat: dem Ende verantwortungsvoller Landwirtschaft. Die einen aus blinder Profitgeilheit, die anderen aus purem Dogmatismus.“ Inwiefern ist Veganismus (oder vegane Ideologie) das Ende verantwortungsvoller Landwirtschaft (konsequent zuende gedacht)?

    • Liebe Diana, natürlich sind Vergleiche immer schwierig, aber hier geht es nicht darum beide ineins zu setzen, sondern Parallelen aufzuzeigen. Vielleicht zur Verdeutlichung der Unterschied zwischen „Lebensweise“ und „Ideologie“ oder – weniger wertend – Weltanschauung. Wie ich geschrieben habe, bringe ich Menschen, die sich für eine vegane oder vegetarische Lebensweise entscheiden, durchaus Respekt entgegen. Damit meine ich mehr als nur, dass ich es toleriere oder dass es mir egal ist. Ich würdige ihre Gründe für ihre persönliche Entscheidung. Etwas anderes ist es aber, wenn Menschen dies bei mir ̵̵̵̵ oder ähnlich Gesinnten ̵̵̵̵ eben nicht tun. Die „Soko Tierschutz“ ist da nur ein Beispiel, es gibt noch andere Organisationen, die ähnlich „ticken“. Und da kommt der Vergleich mit „Pegida“ ins Spiel. Es geht mir dabei nicht um die sog. „Nazi-Keule“ oder das „Totschlagargument“, sondern um Strukturen, die ich glaube erkannt zu haben – und das ist in diesem und auch anderen Fällen eben „totalitäres“ oder autoritäres Denken. Das ist unabhängig von „links“ oder „rechts“. – Jetzt aber zu Deiner nächsten Anmerkung: Ja, es stimmt. Ich bin der Ansicht, dass eine Landwirtschaft, die diesen Namen verdient, tatsächlich nicht möglich ist ohne Tierhaltung. Ackerbau und Viehzucht gehören zusammen, ebenso die Gartenkultur. Auch Bienenzucht gehört dazu. Das geht auch gar nicht anders. Sämtliche Kulturlandschaften, ob Deiche, Heide oder Alm, sind das Ergebnis dieser nun seit rund 10.000 Jahren bestehenden Symbiose zwischen Mensch und Tier. Artenvielfalt, Landschaftspflege, Humusaufbau (als wirksame Gegenmaßnahme zum CO2-Ausstoß zum Beispiel) durch Beweidung mit Wiederkäuern usw. sind nur möglich, weil wir seit Jahrtausenden Tiere züchten und halten (Literaturtipp: Anita Idel: Die Kuh ist kein Klimakiller). Und Tierzucht und -haltung wiederum haben natürlich Konsequenzen: Verarbeitung (und dazu gehört auch Schlachtung) und Verzehr ihrer Produkte – Grundlage einer jeden Esskultur. Diese Zusammenhänge werden heute zunehmend zerstört oder außer Kraft gesetzt durch eine industrielle Sicht- und Arbeitsweise mit den bekannten Folgen. Das kann man nicht aufhalten oder ändern, indem man einfach die Abschaffung der Tierhaltung und den konsequenten Verzicht auf tierische Erzeugnisse (nicht nur Nahrung) fordert. Sondern nur, indem man diejenigen unterstützt und in ihrer Arbeit bestärkt, die diese Zusammenhänge respektieren und mit ihnen arbeiten. Es ist daher meiner Meinung nach unverantwortlich, zum Beispiel ökologisch arbeitende Bäuerinnen und Bauern als Tierquäler oder Schinder, Mörder usw. zu diffamieren und ihre Arbeit zu diskreditieren oder gar zu sabotieren. Sie leisten Großartiges und profitieren in aller Regel am wenigsten davon; viele müssen ums Überleben kämpfen. – Das meine ich, wenn ich davon spreche, dass beide, sowohl eine industriell geprägte Landwirtschaft (und eine diese stützende Politik) als auch eine radikale „vegane“ Sichtweise in letzter Konsequenz zum gleichen Ergebnis führen.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.