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Wenn Vegida „Skandal“ raunt oder: Wie radikale Tierschützer sich zu nützlichen Idioten des industriellen Agrobusiness machen

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„Skandal um Rosi“. Ob sie tatsächlich Rosi heißt, sei dahingestellt, zum Anlass einer Kampagne radikaler „Tierschützer“ wurde jedenfalls eine Zuchtsau aus Herrmannsdorf bei Glonn, einem renommierten Biobetrieb in der Nähe von München, wie eine gewisse „Soko Tierschutz“ dem Fernsehmagazin „Fakt“ verriet. Möglicherweise mag einiges in Herrmannsdorf, gemessen am eigenen Anspruch, verbesserungswürdig sein, aber darum ging es in diesem Beitrag nicht. Nicht nur sollte ein einzelner Betrieb in Misskredit gebracht werden, vielmehr zielt das Treiben der „Soko Tierschutz“ darauf, die gesamte Bio-Landwirtschaft, jedenfalls, soweit sie Tiere hält, auf die Anklagebank zu setzen. Sehen wir mal ab davon, dass Magazine wie „Fakt“ anscheinend zunehmend zum Sprachrohr einer „Empörungsindustrie“ werden, zu der Organisationen wie die ominöse „Soko Tierschutz“ gehören. Zu denken geben sollte uns aber, dass eben jener Verein im Sommer letzten Jahres auf dem „Tollwood-Festival“ in München – einem der friedfertigsten und entspanntesten Öko-Festivals der Republik – seinen Überzeugungen und Zielen z. B. am Stand der „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ sehr nachdrücklich, ja beinah handfest Ausdruck verlieh. Das Motiv: Die Genussgemeinschaft ist Partner des von Tollwood gegründeten Aktionsbündnisses „Artgerechtes München“.

Zunächst mal: Ja, Tierquälerei und auch Verstöße gegen Haltungsbedingungen in Zuchtbetrieben – und möglicherweise auch in sogenannten „Vorzeigebetrieben“ – gibt es, und sie gehören aufgedeckt und abgestellt. Staatliche Stellen, auch amtlich bestellte Veterinäre sind da nicht immer so schnell bei der Sache, manchmal überfordert, manchmal unwillig, weil andere Interessen im Spiel sind oder die Vorfälle bagatellisiert werden – oder auch schlicht aus Bequemlichkeit. Wo etwas systematisch vertuscht oder verschleiert werden soll, tut Aufklärung not. Und es gibt seriöse Organisationen wie zum Beispiel ProVieh, die auf diesem Gebiet eine vorbildliche Arbeit leisten, die nicht nur bezichtigen und anklagen, sondern auch Hilfestellung leisten, Missstände zu beheben.

Seit einiger Zeit schon spielen Essen und Ernährung allerdings die Rolle einer Ersatzreligion – und wie das bei Religionen so der Fall ist, treiben auch hier Fundamentalisten und Extremisten ihre mehr oder weniger unappetitlichen Spielchen nach dem Motto „irgendwas wird schon hängenbleiben“. Schon Wilhelm Busch wusste: „Ein guter Mensch gibt gerne acht, //ob auch der andre was Böses macht // und strebt durch häufige Belehrung // nach seiner Bessrung und Bekehrung.“ Nicht selten speist sich das Sendungsbewusstsein solcher Organisationen aus einer Blockwartmentalität, ähnlich wie bei den sich zurzeit formierenden „Bürgerwehren“ und aus einer verbohrten Haltung, die deren Kampagnen und „Aufklärung“ in die geistige Nähe von AfD- und Pegida-Aktivisten rücken.

Die besagte „Soko Tierschutz“ jedenfalls beansprucht einen „Erziehungsauftrag“, den ihr niemand erteilt hat, und zitiert auf auf ihrer Homepage den Vorsitzenden Friedrich Mülln mit den Worten: Würde Herr Schweisfurth seine Ideologie ernst nehmen, dann würde er auf wirklich nachhaltigen und tierleid-freien bio-veganen Landbau setzen und nicht auf ein neues Geschäftsmodell auf Kosten der Tiere“. Manchmal sind Nachnamen sprechende Namen. Und Statements wie diese unfreiwillige Bekenntnisse: Veganismus als pure Ideologie.

Freilich: Eine vegetarische oder vegane Lebensweise ist eine persönliche Entscheidung, die Respekt verdient – so wie jede verantwortliche Lebensentscheidung, die auf Gründen beruht, Respekt verdient. Sie taugt aber nicht dazu, sich dem „Rest“ moralisch überlegen oder sich berufen zu fühlen, anderen diese Bemühungen abzusprechen oder sie zu attackieren. Ein Kennzeichen dafür, ob sie auf Gründen beruht, ist die Bereitschaft, diese überprüfen zu lassen, mithin im Gespräch zu bleiben. Hier ist aber der Gesprächsfaden bereits gerissen, der Dialog mutwillig beendet worden. Es wird nur noch „dekretiert“.

Doch abgesehen von dem schwer erträglichen selbstgerechten Auftreten, das im Übrigen von Sachkenntnis ziemlich unbelastet ist (frei nach dem Grundsatz: „Ich lass mir doch meine schöne Ideologie nicht durch Fakten zerstören“) ist erst mal festzuhalten: Wer seine persönlichen Befindlichkeiten zum Maßstab für ethisches Verhalten erhebt, begibt sich in die gefährliche Nähe des autoritären, ja totalitären Denkens. Es ist die gleiche Geistes- oder besser: Ungeisteshaltung, die uns bei den „besorgten Bürgern“ von AfD und Pegida begegnet. Ich habe recht und will recht behalten – Diskussionen zwecklos.

„Soko Tierschutz“ und Konsorten werden damit überdies zu nützlichen Idioten des Agrarbusiness, dem sie mit solchen Aktionen in die Hände spielen. Man behauptet nicht zu viel, wenn man eine Parallele zwischen industrieller Landwirtschaft und veganer Ideologie zieht: Beide führen – konsequent zu Ende gedacht – zum selben Resultat: dem Ende verantwortungsvoller Landwirtschaft. Die einen aus blinder Profitgeilheit, die anderen aus purem Dogmatismus. Erstaunlich, dass ein solcher Verein, der der menschlichen Gemeinschaft letztlich die Grundlage entziehen will, dann auch noch vom Finanzamt mit dem Prädikat „gemeinnützig“ geadelt wird.

Wie weit das führen kann, zeigt der Facebook-Post einer Anhängerin einer anderen militanten „Tierschützerorganisation“, in dem etwa ein tragischer Unfall, bei dem ein Landwirt aus NRW durch seinen Zuchtbullen zu Tode kommt, zum „Befreiungskampf“ und das Tier zum „Helden“ stilisiert wird. Willkommen in der gruseligen Gedankenwelt des Veganismus. Und – nein, es ist kein bedauerlicher„Einzelfall“, wie mir in einer Mail-Diskussion ein veganer Partnerschaftsvermittler versichern wollte. Autoritäres und totalitäres Denken aus jedweder Richtung trägt diese Konsequenz immer in sich. Von dort ist es nicht mehr weit zu den Auslassungen einer Frauke Petry oder Beatrix von Storch, doch bitte an der Grenze gegen Flüchtlinge – auch gegen Frauen und Kinder – die Schusswaffe einzusetzen. Von Vegida zu Pegida ist der Grat sehr schmal.

Eigentlich wäre es an der Zeit, dem Rat von Manfred Kriener zu folgen, der in seinem Zehn-Punkte-Ratgeber im aktuellen Slow Food Magazin mit dem Schwerpunkt „Slow leben im Alltag“, als erstes rät, die „Moralkeule“ im Waffenschrank zu lassen. Doch das scheint ferner denn je. Die mehr und mehr zu beobachtende Radikalisierung der Gesellschaft, ja, der Weltgemeinschaft lässt eher befürchten, dass wir unsere Dialogfähigkeit zu verlieren drohen. Über die Gründe nachzudenken, ist hier nicht der Ort. Aber wir bleiben dran … Und offen für Gespräche und – gewaltfreien – Gedankenaustausch.

 

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