Denk-Mahl

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Geistig-moralische Bankrotterklärung

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Ende März, spät abends: Im ZDF läuft „Die Anstalt“ mit Claus von Wagner und Max Uthoff – für politisch nicht ganz Desinteressierte ein Pflichttermin unter den Satiresendungen, die sonst so im Öffentlich-Rechtlichen laufen – jedenfalls fast immer ein „Must“. Das aktuelle Dauerthema: Griechenland, Schuldenkrise, EU- und Deutschlandpolitik – möglicher „Grexit“ usw. Kennt man ja alles. Intelligenter Wortwitz von allen anwesenden Kabarettisten – und dann, gegen Ende der Sendung fällt dem Zuschauer doch noch kurz die Kinnlade aus der Verankerung.

Denn was da im Studio ausgebreitet wird, ist nicht etwa die Erfindung zweier Polit-Clowns. Sondern O-Ton einer bundesdeutschen Regierung. Es geht um einen Zwangskredit während der Besatzungszeit und die Forderung Griechenlands auf Rückzahlung, Entschädigung und Wiedergutmachung für Greueltaten der Nazis in den 40er-Jahren. Im Bild: ein etwas vierjähriger Junge, der 1944 bei einem Massaker der SS fast sämtliche Verwandten, Vater, Mutter, Geschwister verlor. Und was dann folgt, treibt einem die Schamröte ins Gesicht: die Begründung des Auswärtigen Amtes, weshalb eine Entschädigung verweigert wird. Es handelte sich hier – Achtung, O-Ton Auswärtiges Amt: um normale Kriegshandlungen. Diese Auskunft erhielt der Betroffene nicht etwa wenige Jahre nach Kriegsende, sondern 1996 – mehr als fünfzig Jahre später, zehn Jahre nach der Aufsehen erregenden Rede Richard von Weizsäckers zum 8. Mai. Verantwortlicher Außenminister zu dieser Zeit: Klaus Kinkel, Kanzler: Helmut Kohl – eben jener, den nur zwei Tage nach der Ausstrahlung der „Anstalt“ Angela Merkel als „Segen für Deutschland“ anlässlich seines 85. Geburtstags preisen wird, jener Helmut Kohl, den viele nicht nur für den „Kanzler der Einheit“, sondern „den Europäer“ halten, der angeblich schon für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde usw.

Man kann vielleicht diese Entgleisung nicht dem Regierungschef persönlich anlasten. Aber das, was er vor der Regierungsübernahme (1980) vollmundig versprach: die sogenannte „geistig-moralische Wende“, mit der er sich von der angeblichen moralischen Verkommenheit, die unter der sozialdemokratischen Ära Brandt/Schmidt im deutschen Volke um sich gegriffen habe und vor der sein Vorgänger Helmut Schmidt angeblich kapituliert habe, absetzen wollte, ist wohl selten von eigener Seite so als Worthülse desavouiert worden, wie durch diesen Vorgang. – Auch wenn der Urheber dieser Losung es zu Beginn seiner Amtszeit (1982) selber als „geistig-moralische Herausforderung“ abschwächte: Es bleibt, dass die letzte Regierung Kohl wohl diese Herausforderung nicht bestanden hat. Es war eine geistig-moralische Bankrotterklärung.

Es wäre allerdings zu einfach, jetzt mit dem Finger auf diese – ebenfalls schon fast zwei Jahrzehnte zurückliegende Die argumentativen Verrenkungen, die seither immer wieder unternommen wurden, um sich vor der Verantwortung zu drücken, haben allerdings beträchtliche Ausmaße angenommen. Tja, und jetzt kommt dann Griechenland und stellt diese alte Forderung nach Wiedergutmachung, Entschädigung in den Kontext der allgegenwärtigen Schuldenkrise – „Unerhört“, empören sich jetzt wieder nicht nur die Stammtischbrüder und -schwestern, deren politische BILDung auf einer Gazette mit verblödenden Schlagzeilen und der hemmungslosen Verschwendung von Druckerschwärze beruht. Genauso schüren die Ressentiments Pokitiker wie der derzeitige Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel, die heute die dumpfen Vorurteile bedienen und diese Verbindung zwischen Entschädigungsforderung und Schuldenrückzahlung für „dumm“ erklären. Was allerdings daran „dumm“ sein soll, offene Rechnungen miteinander zu verrechnen, bleibt sein Geheimnis. Insbesondere aber ist die derzeitige griechische Regierung wohl seit Jahrzehnten die einzige und erste, die legitimerweise diese Forderungen erheben kann, während man bei den Vorgängern durchaus Zweifel haben konnte, ob diese Entschädigung, wäre sie denn anerkannt und gezahlt worden, die richtigen Adressaten erreicht hätte. – Ob allerdings das Jonglieren mit Zahlen und eine undurchsichtige „Berechnung“ der Höhe der Forderung hilfreich sind oder man sich, sollten sich die Gemüter wieder beruhigt haben, durchaus eine für beide Seiten gesichtswahrende Lösung findet, kann nur die weitere Entwicklung zeigen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

Ein Kommentar

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