Denk-Mahl

Das Blog für Freunde des eigenen Verstandes

26. Juli 2016
von Johannes Bucej
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Im Garten der Zeit

„Augenblick, verweile“ – das Titelthema des aktuellen Philosophie Magazins (PhiloMag 5/2016) irritiert. Angesichts der gegenwärtigen Weltlage, angesichts der sich überstürzenden Ereignisse, die anscheinend die „freie“, demokratische Welt in tiefe Depression stürzen und handlungsunfähig machen (von einigen Symbolhandlungen abgesehen), bin ich doch eher versucht zu sagen: Hoffentlich ist dieser Spuk bald vorbei. – Ein frommer, ein naiver Wunsch, freilich.

Was sollte es bedeuten, in dieser Situation sagen zu können: Augenblick, verweile? Sich ein „Dornröschenschloss“ zu erschaffen, in dem alles in Schockstarre liegt? Überwuchert und abgeschieden in „splendid isolation“, ja abgeschnitten von der Welt da draußen? Bis ein Prinz kommt und uns wieder wachküsst – uns ins „richtige Leben“ zurückholt? Das Dornröschenschloss taugt jedoch nicht als Symbol des von Epikur gepriesenen „Lebens im Verborgenen“.

Dennoch kann man sich fragen, ob ein Rückzug nicht vielleicht doch erstrebenswert erscheinen kann – und unter welchen Bedingungen dies richtig ist. Weiterlesen →

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19. Juni 2016
von Johannes Bucej
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Denken macht frei

Wenn man sich den gegenwärtigen geistigen Zustand der Welt anschaut, kann einem angst und bange werden. Mäßigende, reflektierende Stimmen fehlen zwar nicht, aber sie werden einfach überhört, noch schlimmer: übertönt. Die täglichen Nachrichten von Attentaten, Zerstörungen, Prügeleien, Anschlägen auf Flüchtlingsheimen – jede Gelegenheit scheint recht zu sein, den Aggressionen freien Lauf zu lassen. Wir brauchen gar nicht in Richtung Naher Osten oder Nordafrika zu blicken, wo islamistische Terroristen ihr Unwesen treiben. Ob ein Massaker in einem Gay-Club in Florida, Hooligans bei einem Sportereignis wie die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich oder das Attentat auf eine Politikerin im Umfeld des bevorstehenden Referendum über einen „Brexit“ in Großbritannien (wobei die genauen Umstände noch nicht bekannt sind) – es ist, als seien alle irgendwie im Gewaltrausch angekommen, als seien alle Dämme dabei zu brechen. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Nationalität, welcher Gruppe, politischen oder religiösen Überzeugung man angehört oder anhängt. Diese Gewalt bricht sich einfach Bahn – und es fehlt auch nicht an geistigen Brandstiftern und Brandbeschleunigern, die diese Situation skrupellos ausnutzen und für ihre Zwecke instrumentalisieren. Selten hatte Vernunft einen derart schweren Stand.

Trotz – oder wegen (?) – dieser deprimierenden Ausgangslage hat sich nun die Redaktion des „Philosophie Magazins“ entschlossen, ein Sonderheft zu Hannah Arendt herauszubringen (ab sofort im Zeitschriftenhandel).

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3. Februar 2016
von Johannes Bucej
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Wenn Vegida „Skandal“ raunt oder: Wie radikale Tierschützer sich zu nützlichen Idioten des industriellen Agrobusiness machen

„Skandal um Rosi“. Ob sie tatsächlich Rosi heißt, sei dahingestellt, zum Anlass einer Kampagne radikaler „Tierschützer“ wurde jedenfalls eine Zuchtsau aus Herrmannsdorf bei Glonn, einem renommierten Biobetrieb in der Nähe von München, wie eine gewisse „Soko Tierschutz“ dem Fernsehmagazin „Fakt“ verriet. Möglicherweise mag einiges in Herrmannsdorf, gemessen am eigenen Anspruch, verbesserungswürdig sein, aber darum ging es in diesem Beitrag nicht. Nicht nur sollte ein einzelner Betrieb in Misskredit gebracht werden, vielmehr zielt das Treiben der „Soko Tierschutz“ darauf, die gesamte Bio-Landwirtschaft, jedenfalls, soweit sie Tiere hält, auf die Anklagebank zu setzen. Sehen wir mal ab davon, dass Magazine wie „Fakt“ anscheinend zunehmend zum Sprachrohr einer „Empörungsindustrie“ werden, zu der Organisationen wie die ominöse „Soko Tierschutz“ gehören. Zu denken geben sollte uns aber, dass eben jener Verein im Sommer letzten Jahres auf dem „Tollwood-Festival“ in München – einem der friedfertigsten und entspanntesten Öko-Festivals der Republik – seinen Überzeugungen und Zielen z. B. am Stand der „Genussgemeinschaft Städter und Bauern“ sehr nachdrücklich, ja beinah handfest Ausdruck verlieh. Das Motiv: Die Genussgemeinschaft ist Partner des von Tollwood gegründeten Aktionsbündnisses „Artgerechtes München“.

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26. Januar 2016
von Johannes Bucej
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Vom „Ich“ zum „Wir“ – einige Gedanken zur aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins (2/2016)

Verfolgt man die Themen, denen sich das Philosophie Magazin im letzten Jahr gewidmet hat (Heft 4: Bin ich, was ich esse (s. meine Beiträge auf Denk-Mahl.de)?, Heft 5: Braucht mein Leben ein Ziel, Heft 6: Macht meine Arbeit noch Sinn?), kann man sie ziemlich eindeutig den individuellen Fragestellungen zurechnen, die sich in der Frage nach dem „guten Leben“ zusammenfassen lassen, zuletzt mündend in der Titelfrage von Heft 1/2016: Gibt es einen guten Tod?. Was aber, wenn nicht das „gute Leben“, sondern das Leben schlechthin oder noch schärfer: das Überleben – zur Disposition steht? Wenn die Frage nach dem „guten Leben“ überwältigt wird von der Frage nach dem Überleben überhaupt? Weiterlesen →

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16. November 2015
von Johannes Bucej
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Vorbeugung gegen kulinarisches Fremdeln

Junior Slow e.V. (Hrsg.), Flora Hohmann, Manuel Reheis, Susanne Leontine Schmidt: Der kleine Koch. Lieblingsrezepte für Kinder, München, Oekom Verlag 2015, 70 Seiten, Hardcover, € 12,95, zu beziehen über die Buchhandlung Ihres Vertrauens

Letzte Woche sind sie erschienen: die großen Gastroführer, die alljährlich Deutschlands beste Restaurants auszeichnen mit Sternen, mit Hauben, Punkten, Kochlöffeln usw. Große Ehren für große Köche – wahre Künstler am Herd. Nach Frankreich hat Deutschland weltweit die meisten Sternerestaurants aufzuweisen.

Und dann gibt es die andere Seite: Gute Küche werde von der deutschen Öffentlichkeit noch immer kaum zur Kenntnis genommen, klagt Marten Rolff in der Wochenendausgabe der SZ vom 14./15. November und bezichtigt die Deutschen der kulinarischen Schizophrenie. Teuerste Küchen fürs Renommee, Trash-Food in der Kantine oder billigste Lebensmittel zu Hause aus der Mikrowelle und verdruckstes „Beichten“ nach dem Besuch eines Edelrestaurants. Nein, so richtig warm geworden sind die Deutschen offenbar mit guter Küche noch lange nicht.

Der Münchner Verein Junior Slow – ein Ableger von Slow Food München – setzt daher genau am richtigen Punkt an: Koch- und Geschmackserziehung schon bei den Kleinen, die diese Scheu gar nicht erst entwickeln sollen. Seit Jahren tourt das „Slow Mobil“, ein zur Küche umgebauter Bauwagen durch München, und besucht Schulen, Horte und Kindergärten, wo Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren in kleinen Gruppen unter Anleitung professioneller Köche das Kochen lernen. Inzwischen gibt es nach Münchner Vorbild weitere Slow Mobile in Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg – und in immer mehr Städten, auch im Norden der Republik, gibt es weitere Interessenten.

Damit aus den kleinen Köchen gute und vielleicht auch mal große werden können, hat der Verein kürzlich ein Kochbuch herausgegeben: „Der kleine Koch“. Die Rezepte dazu haben die Küchenmeisterin Flora Hohmann und Küchenchef Manuel Reheis vom Münchner Restaurant Broeding entwickelt – und natürlich mit den Kindern im Slow Mobil erprobt. Liebevoll gezeichnet von der Künstlerin Susanne Leontine Schmidt, führt der kleine Koch mit seinem Freund Radieserl die angehenden jungen Kochkünstler Schritt für Schritt ans gute Essen heran – mit den richtigen Botschaften: gute saisonale Zutaten vom Markt oder Lebensmittelgeschäft (nicht vom Discounter) werden mit richtigem (!) Küchengerät (keinem Spielzeug), zu einfachen, aber geschmackvollen Leckereien verarbeitet. Ein Jahreszeitenkalender zeigt, welche Gemüse und Früchte wann Saison haben, die notwendige Küchenausstattung wird vorgestellt, Tipps für das richtige Verhalten in der Küche gegeben und die Vorratskammer mit häufig benötigten Zutaten bestückt. Und dann geht’s los: Im Frühjahr lockt die „Pizza Kunterbunt“ mit Frühlingsgemüse oder die „allerbeste Erdbeer-Holunder-Marmelade“, der Sommer prunkt mit „Zucchini-Raketen“ oder „Beereneis am Stiel“, im Winter wärmt eine Hühnersuppe mit Buchstaben – neben dem Seemannsfutter mit Blubbspinat übrigens das einzige nicht vegetarische Rezept – und natürlich dürfen auch die Lieblingsplätzchen zu Weihnachten nicht fehlen.

Ja, Kindern wird etwas zugetraut mit diesem Buch, das Helikopter-Eltern vielleicht mit Argwohn betrachten, wenn den Kindern empfohlen wird, beim Pfannkuchenbacken „unbedingt das Werfen“ zu üben, wenn mit scharfen Messern, dampfenden Töpfen und heißen Backblechen hantiert wird. Und noch etwas fällt positiv auf: Der kleine Koch und sein Freund Radieserl entsprechen nicht einem anorektischen Schlankheitsideal mit vorprogrammierter Essstörung, sondern strahlen eine gesunde Lebensfreude aus. Denn das darf gutes, gesundes Essen auch: schmecken. Ohne erhobenen Zeigefinger.