Denk-Mahl

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Vorbeugung gegen kulinarisches Fremdeln

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Junior Slow e.V. (Hrsg.), Flora Hohmann, Manuel Reheis, Susanne Leontine Schmidt: Der kleine Koch. Lieblingsrezepte für Kinder, München, Oekom Verlag 2015, 70 Seiten, Hardcover, € 12,95, zu beziehen über die Buchhandlung Ihres Vertrauens

Letzte Woche sind sie erschienen: die großen Gastroführer, die alljährlich Deutschlands beste Restaurants auszeichnen mit Sternen, mit Hauben, Punkten, Kochlöffeln usw. Große Ehren für große Köche – wahre Künstler am Herd. Nach Frankreich hat Deutschland weltweit die meisten Sternerestaurants aufzuweisen.

Und dann gibt es die andere Seite: Gute Küche werde von der deutschen Öffentlichkeit noch immer kaum zur Kenntnis genommen, klagt Marten Rolff in der Wochenendausgabe der SZ vom 14./15. November und bezichtigt die Deutschen der kulinarischen Schizophrenie. Teuerste Küchen fürs Renommee, Trash-Food in der Kantine oder billigste Lebensmittel zu Hause aus der Mikrowelle und verdruckstes „Beichten“ nach dem Besuch eines Edelrestaurants. Nein, so richtig warm geworden sind die Deutschen offenbar mit guter Küche noch lange nicht.

Der Münchner Verein Junior Slow – ein Ableger von Slow Food München – setzt daher genau am richtigen Punkt an: Koch- und Geschmackserziehung schon bei den Kleinen, die diese Scheu gar nicht erst entwickeln sollen. Seit Jahren tourt das „Slow Mobil“, ein zur Küche umgebauter Bauwagen durch München, und besucht Schulen, Horte und Kindergärten, wo Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren in kleinen Gruppen unter Anleitung professioneller Köche das Kochen lernen. Inzwischen gibt es nach Münchner Vorbild weitere Slow Mobile in Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg – und in immer mehr Städten, auch im Norden der Republik, gibt es weitere Interessenten.

Damit aus den kleinen Köchen gute und vielleicht auch mal große werden können, hat der Verein kürzlich ein Kochbuch herausgegeben: „Der kleine Koch“. Die Rezepte dazu haben die Küchenmeisterin Flora Hohmann und Küchenchef Manuel Reheis vom Münchner Restaurant Broeding entwickelt – und natürlich mit den Kindern im Slow Mobil erprobt. Liebevoll gezeichnet von der Künstlerin Susanne Leontine Schmidt, führt der kleine Koch mit seinem Freund Radieserl die angehenden jungen Kochkünstler Schritt für Schritt ans gute Essen heran – mit den richtigen Botschaften: gute saisonale Zutaten vom Markt oder Lebensmittelgeschäft (nicht vom Discounter) werden mit richtigem (!) Küchengerät (keinem Spielzeug), zu einfachen, aber geschmackvollen Leckereien verarbeitet. Ein Jahreszeitenkalender zeigt, welche Gemüse und Früchte wann Saison haben, die notwendige Küchenausstattung wird vorgestellt, Tipps für das richtige Verhalten in der Küche gegeben und die Vorratskammer mit häufig benötigten Zutaten bestückt. Und dann geht’s los: Im Frühjahr lockt die „Pizza Kunterbunt“ mit Frühlingsgemüse oder die „allerbeste Erdbeer-Holunder-Marmelade“, der Sommer prunkt mit „Zucchini-Raketen“ oder „Beereneis am Stiel“, im Winter wärmt eine Hühnersuppe mit Buchstaben – neben dem Seemannsfutter mit Blubbspinat übrigens das einzige nicht vegetarische Rezept – und natürlich dürfen auch die Lieblingsplätzchen zu Weihnachten nicht fehlen.

Ja, Kindern wird etwas zugetraut mit diesem Buch, das Helikopter-Eltern vielleicht mit Argwohn betrachten, wenn den Kindern empfohlen wird, beim Pfannkuchenbacken „unbedingt das Werfen“ zu üben, wenn mit scharfen Messern, dampfenden Töpfen und heißen Backblechen hantiert wird. Und noch etwas fällt positiv auf: Der kleine Koch und sein Freund Radieserl entsprechen nicht einem anorektischen Schlankheitsideal mit vorprogrammierter Essstörung, sondern strahlen eine gesunde Lebensfreude aus. Denn das darf gutes, gesundes Essen auch: schmecken. Ohne erhobenen Zeigefinger.

 

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